European Bamboo Society Sektion Deutschland e.V.

Textilien aus Bambus - Schein oder Wirklichkeit

Tippt man in eine Internetsuchmaschine den Begriff „Textilien aus Bambus“ ein, trifft man auf den Werbeseiten der Anbieter auf  folgende Aussagen:

  • Ein einzig in der Bambus-Pflanze enthaltener Stoff wirkt natürlich antibakteriell, zudem können die besonders weichen Fasern viel Feuchtigkeit aufnehmen.
  • … sind die Textilien knitterarm, formbeständig und der Bambusanteil sorgt für einen sehr weichen und angenehmen Griff - ganz ohne Einsatz von chemischen Weichmachern.
  • Die Bambusfasern begeistern durch natürliche Funktionen wie Atmungsaktivität, antibakterielle Wirkung und Leichtigkeit.
  • Kaum zu glauben aber wahr: Bekleidung aus sahneweichem Bambusgarn!
  • Beinahe ein Jahrzehnt haben chinesische Techniker an der Herstellung dieses Naturproduktes gearbeitet. Der Einsatz hat sich gelohnt!
  • Bambusfaser Kleidung klebt nie an Ihrem Körper oder an Ihrer Haut.

Es handelt sich hier wohlgemerkt um Originalzitate, und die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen.

Bei diesen Aussagen über Textilien aus Bambusfasern handelt es sich in der Regel um einen Betrug am Verbraucher. So ergab eine Nachfrage bei der Industrievereinigung Chemiefaser e. V. (IVC), dass die derzeit auf dem Markt angebotenen „Bambus“-Textilien (Wäsche, Socken, Sportswear etc.) aus regenerierten Cellulosefasern - wie z.B. aus Viskose - bestehen. Dies hätten von der IVC durchgeführte Analysen eindeutig bestätigt. Die natürlicherweise im Bambus vorkommende Faser kann nämlich unmöglich zu einem Textilfaden versponnen werden, wie im Folgenden deutlich werden wird:

  1. Die 1.300 Bambusarten, die es auf der Erde gibt, haben – wie jede andere Pflanze auch – Zellulosefasern. Darüber hinaus enthalten sie Lignin, Hemicellulosen, Stärke und Silikate. Die Zellulosefasern von Bambus sind winzig, haben unterschiedliche Größen und erinnern in ihrer Form an kleine Schläuche, denn sie sind hohl und haben eine mittlere Länge von 2 – 3 mm, und ihre Breite ist noch 100 mal geringer, so dass man sie nur im Mikroskop sehen kann.
  2. Jeder Textilfaden – sei es ein natürlicher oder ein künstlicher Faden – braucht mindestens eine Faserlänge von 30 mm. Die Fäden, die beispielsweise durch die Firma [ ….. ] hergestellt werden, enthalten Faserlängen von 38 mm, 51 mm, 76 mm und 86 mm, wie aus der Website der Firma hervorgeht. Mit anderen Worten, diese Fäden haben Faserlängen, die 10 bis 30 mal größer sind, als eine natürliche Zellulosefaser von Bambus.
  3. Es existiert kein Verfahren, Zellulosefasern aus Bambus so zu verlängern, dass man aus ihnen einen Textilfaden herstellen könnte.
  4. Die sogenannten Textilien aus Bambus bestehen in der Regel aus einem Faden aus Viskose oder vergleichbaren Substanzen. Viele Firmen erwähnen die Bezeichnung Viskose. Kaum eine Firma verbirgt die Tatsache, dass es sich um Viskosefäden handelt. Man hat tatsächlich die Stirn, das offen zuzugeben.
  5. Aber worin besteht denn nun der Betrug? Es ist so, dass die Viskosefaser eine künstliche Faser ist, die in einem chemischen Prozess gewonnen wird, der vor mehr als 100 Jahren erfunden wurde und bei dem Schwefelkohlenstoff verwendet wird. Dieser reagiert mit jeder beliebigen natürlich vorkommenden Zellulosefaser, zerstört die faserige Struktur und macht aus den Fasern eine plastische, zähflüssige Masse, ähnlich wie die Spinnmasse beim Nylon. Nach dieser Prozedur wird die Viskosemasse durch eine Spinndüse gepresst, welche die plastische Masse in kontinuierliche Fäden verwandelt, die anschließend auf die für Textilfasern geeigneten Längen zugeschnitten werden. Jede beliebige Zellulosefaser kann benutzt werden, um Viskose herzustellen. Es können Fasern von Bäumen oder von Sträuchern oder von Abfällen aus der Landwirtschaft, wie z.B. Weizen-, Mais- oder Reisstroh sein, aber es können eben auch Zellulosefasern aus Bambus sein.
  6. Ein Viskosefaden hat immer dieselben physikalischen und chemischen Merkmale, unabhängig davon, aus welcher Pflanze die Zellulose gewonnen wurde. Ein Viskosefaden, der aus Eukalyptus gewonnen wurde, ist völlig identisch mit einem Viskosefaden, der aus Weizenstroh oder eben auch aus Bambus gewonnen wurde.
  7. An dieser Sachlage ändert sich nichts, auch wenn aus der Cellulose anstelle von Viskose eine andere cellulosische Chemiefaser, wie z. B. Lyocell oder Modal oder Cellulose-Acetat hergestellt wird.
  8. In China wird Viskose im Allgemeinen aus Bambus gewonnen, weil Bambus dort ein reichlich vorhandener und billiger Rohstoff ist. Die Herstellung von Viskose hat im Laufe der letzten 30 Jahre eine geographische Verschiebung erlebt, und zwar von den westlichen Ländern in den Fernen Osten.
  9. Der Betrug besteht also in folgendem: In der ganzen Welt steht Bambus im Ruf ein ökologisch wertvolles Naturprodukt zu sein – und ich möchte betonen, dass Bambus diesen Ruf zu recht hat. Skrupellose Geschäftsleute kamen also auf die unsinnige Idee, Textilien aus Viskose unter der Bezeichnung „Textilien aus Bambusfasern“ zu vertreiben. Verschwiegen wird dabei, dass die Bambusfasern nach der Umwandlung in Viskose nicht das Geringste mehr mit Bambus zu tun haben. Denn wenn man ein Gewebe aus Viskose kauft, ist es unmöglich zu erkennen, aus welchen Zellulosefasern die Viskose gewonnen wurde. Und selbst wenn wir den Ursprung der Zellulosefasern in der Viskose bestimmen könnten, würde das nichts an den Eigenschaften der Viskose ändern, welche künstlich und nicht natürlich ist. Außerdem ist es schwierig zu beurteilen, inwieweit in den asiatischen Ländern die hohen Umweltstandarts westlicher Industrienationen eingehalten werden. Es handelt sich hier also um eine absurde Täuschung, die begangen wird, um von der weltweiten ökologischen Welle zu profitieren.

Zum Schluß soll nicht verschwiegen werden, daß es angeblich auch ein Herstellungverfahren von Bambusgewebe ohne die oben beschriebene chemische Auflösung der Cellulosefasern gibt. Bei diesem Verfahren würden aus dem Faser-Cellulosegerüst alle Begleitsubstanzen entfernt, und eine andere Komponente würde hinzugefügt. Das hüten die Chinesen als ein großes Geheimnis. Sehr kritisch wäre aber auch in diesem Fall die immer wiederholte Behauptung von der antibakteriellen Wirkung von Substanzen aus dem Bambus zu werten. Es sind keinerlei derartige Inhaltsstoffe bekannt. Bambus wird ganz im Gegenteil bei geeigneten Befallsbedingungen schnell von Pilzen und auch Bakterien zerstört.

Hans-Jürgen Kleine, Florianópolis im Oktober 2007

Übersetzung: Raimund Düking