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Die Nachteile der Kübelhaltung sind bekannt und werden immer wieder lautstark
propagiert: der Bambus wird im engen Kübel nie seine wirkliche Größe erreichen -
er ist anfälliger für Frost und Trockenheit - und er wird irgendwann den
Kübel sprengen. Aber ich sehe auch viele Vorteile der Kübelhaltung: Es ist damit
möglich, auf sehr engem Raum viele verschiedenen Arten und Sorten von Bambus zu
kultivieren. Mit Bambus im Kübel kann ich auch wunderbar hässliche Hausecken
verschönern oder Fallrohre der Dachrinne verstecken. Im Sommer positioniere ich
die Kübel so, dass ich den gewünschten Sichtschutz auf der Terrasse erhalte und
im Winter kaschiere ich mit schönem, grünen Bambuslaub den Ausblick aus dem
Wohnzimmerfenster auf dann trostlose, kahle Gehölze. Mobiles Grün ist das
Stichwort! Aber ich mag das gefährliche und exotische Raubtier im Kübel in
meiner unmittelbaren Nähe auch, weil sich auf diese Art ein anderes, völlig
ungewohntes optisches Erlebnis bietet. Im großen Kübel direkt neben meinem
Ruheplatz auf der Terrasse wird mir der Bambus wie auf dem Tablett präsentiert.
Die Perspektive ist völlig anders, so als läge man im Mini-Bambushain mit Blick
nach oben. Das ist (im kleineren Rahmen) ein ähnliches Erlebnis wie im Garten
der Bödekers im Neandertal. Dort werden die Bambusse auch erhöht
präsentiert und erfahren dadurch eine ganz andere optische Wirkung. Alle, die an
der tollen Gartenbesichtigung der EBS-Westler im April 2005 teilgenommen haben,
wissen wovon ich spreche.
Wer gewisse Regeln beachtet, etwas Geld und Mühe investiert, sowie mit
kleinen Tricks arbeitet, kann durchaus erfolgreich das gefährliche
Bambus-Ungeheuer im Kübel-Käfig halten. Meine Erfahrungen will ich hiermit gerne
weitergeben.
Der Raubtierkäfig
Je größer - je besser! So könnte man es auf den Punkt bringen - aber
natürlich ist auch das relativ. Ein Pleioblastus distichus kann sicher schon in
einen normalen Topf gepflanzt werden, aber ein Semiarundinaria fastuosa braucht
doch auf Dauer mindestens einen 90 Liter-Kübel. Darin wird er aber im Laufe der
Jahre auch locker die 4-Meter Schallmauer durchbrechen. Wichtigstes Kriterium
neben der Größe ist die Form des Kübels. Er darf auf keinen Fall eine bauchige
Form haben! Der Bambus wird im Laufe der Zeit einen sehr kompakten
Wurzel/Rhizomballen bilden und könnte dann nicht mehr umgetopft werden, ohne den
Kübel zu zerstören. Ich persönlich mag sehr gerne viereckige Töpfe. Sie sind
praktisch für den Einsatz direkt an Mauern und auch für Hausecken toll geeignet.
Dort bieten sie auf gleicher zur Verfügung stehender Stellfläche dem
Wurzelballen mehr Substrat als ein Topf ohne Ecken. Außerdem favorisiere ich
hohe Töpfe, da sie ein günstigeres Verhältnis von oberirdischer Pflanze zu
Wurzelballen bieten.
Materialmäßig ist alles erlaubt: ob Terrakotta, bunt glasiert, Beton, Holz
oder Kunststoff ist letztendlich Geschmacksache. Nur stabil sollte der Topf
sein, denn der Bambus entwickelt im Laufe der Zeit einen nicht zu
unterschätzenden Innendruck. Bei schwarzen Kunststofftöpfen und dem schwarzen
Maurerkübel aus dem Baumarkt wäre ich allerdings vorsichtig. Ich habe mal
gelesen, dass im Sommer die durch Sonnenbestrahlung entstehende Hitze für die
empfindlichen Wurzeln zu groß wird. Aber da ich in meinem direkten Umfeld auf
der Terrasse solche hässlichen Töpfe kaum ertragen könnte, habe ich auch keine
eigenen Erfahrungen damit gemacht. In einem schönen Übertopf ist das sicher kein
Problem mehr. Aber auch ein Übertopf muss einen Abfluss fürs Gies- und
Regenwasser haben, unsere Raubkatzen sind (stau)wasserscheu! Selbst ein tiefer
Teller oder Untertopf kann schnell zum Problem werden. Eines meiner peinlichsten
Erlebnisse war, als ich während Nachbars Urlaubs seine getopfte Fargesie (im
Untertopf!) mit Unterstützung von 3-4 aufeinander folgenden Regentagen zu Tode
gewässert habe. Damit war mein Ruf als Bambusexperte in unserer Siedlung
komplett ruiniert. Also, der Wasserabzug muss immer und vollständig
gewährleistet sein!
Ein Tipp: Kübel, deren Innenwände nicht ganz glatt sind (also Beton- Holz-
oder Terrakottakübel), sollten innen herum am Rand mit Plastikfolie
ausgeschlagen werden. Dadurch lässt sich der Wurzelballen beim später
notwendigen Umtopfen und Teilen viel leichter austopfen. Man kann die gesamte
Pflanze einfach aus dem Gefäß heben. Und In Terrakottatöpfen verliert der
Wurzelballen auch nicht mehr so viel Wasser durch Diffusion - ein positiver
Nebeneffekt! Um die Belüftung des Wurzelballens zu fördern, kann man die Folie
bei Einsatz im Terrakottatopf etwas perforieren.
Am Boden des Kübels sollte durch etwas Kies und dem Einsatz von Wurzelvlies
für optimale Drainage gesorgt werden.
Das Substrat muss die Forderung des Bambus-Ungeheuers nach Luft und Wasser
erfüllen, was ich durch Beimischung von Perligran erreiche. Perligran ist ein
rein mineralischer Bodenverbesserer, basierend auf vulkanischem Silikatgestein.
Das körnige, ph-Wert-neutrale Material kann Unmengen Wasser oder Luft speichern
(Wasserspeicherkapazität bis zu 50 Vol. %!) und ist meiner Meinung nach ideal,
da es einen weiteren positiven Nebeneffekt hat. Schon der amerikanische
Bambusguru McClure hat sehr früh darauf hingewiesen: Bambuswurzeln, die in
Substrat mit hohem Kies/Sandanteil wachsen, entwickeln sich besonders üppig (das
kennen alle, die schon mal Rhizome im Kiesbett unter den Terrassenplatten
ausgegraben haben). Probleme ergeben sich aber dadurch, dass so ein stark
kieshaltiges Substrat schlechte Wasserspeichereigenschaften hat. Perligran löst
dieses Problem! Alternativ kann man auch feinkörnigen Blähton nehmen, der bei
gleichen positiven Eigenschaften aber weitaus teurer ist. Perligran kostet im
200 Liter Sack nur knapp 15 Euro. Wenn man Perligran 1:3 (eventuell sogar 1:2 -
muss ich noch probieren) mit der Pflanzerde mischt, erhält man ein sehr
leichtes, "federndes" Substrat, welches unser Ungeheuer so schnell nicht
verdursten lässt.
Die Auswahl der Raubtiere
Nicht jedes Raubtier kann im engen Käfig gehalten werden. Denkbar ungeeignet
sind natürlich alle extrem wüchsigen, unterirdisch hyperaktiven Sorten. Einen
Vivax zum Beispiel würde ich nicht über längere Zeit so eng einsperren. Aber es
gibt ja, auch unter den Phyllostachys etwas zahmere Exemplare: Phyllostachys
bambusoides Castilloni, Phyllostachys Nigra, Phyllostachys aurea und viele mehr
lohnen einen Versuch. Fargesien und die gesamte Palette der niedrigen Sorten und
Bodendecker sowieso! Und das schöne an der Kübelhaltung ist das mobile Element:
ich kann im Winter den Kübel in eine sehr geschützte Hausecke stellen oder bei
starker Kälte sogar vorübergehend ein paar Nächte in der Garage parken. Dadurch
kommen für mich plötzlich auch kälteempfindlichere Raubtierarten in Frage, an
die ich mich sonst nicht heran getraut hätte - das Sortiment erweitert sich!
Die Raubtierfütterung
Wasser muss natürlich sein! Im Kübel wird auch in verregneten Sommern der
Regen alleine nicht ausreichen. Also entweder regelmäßig mit der Wasserkanne (an
manchen Tagen mehr als einmal) aktiv werden, oder besser sofort eine
automatische Tropfbewässerung einsetzen. Das kostet nicht die Welt und befreit
mich außerdem von der Sorge, wer sich während meines Urlaubs ums Gießen kümmert.
Dünger als Futter für die Bestie ist genauso notwendig! Auch wenn Bambus im
Freiland ohne Dünger auskommen kann, im engen Kübel muss der Vielfraß regelmäßig
gefüttert werden. Das bisschen Substrat im Topf kann den Bambus auf Dauer nicht
ernähren. Was und wieviel gedüngt werden sollte, darüber gibt es tausend
Meinungen. Die Diskussion um den besten Dünger kann und will ich hier nicht
führen, das ergäbe mehr als nur einen weiteren Artikel fürs Bambus-Journal.
Jeder sollte da auf seine bewährte Methode vertrauen. Langzeitdünger sollte es
aber schon sein, damit dem gefährlichen Biest nie das Futter ausgeht.
Die Arbeit des Dompteurs
Etwas Pflege braucht das Kübel-Raubtier schon. Die übliches Schnittmaßnahmen
sowieso, aber auch regelmäßiges austopfen, am besten im Frühling, ist wichtig.
Denn nach spätestens 2-3 Jahren wird ihm sein Käfig garantiert zu eng. Größere
Exemplare lege ich auf die Seite und ziehe an den Halmen den Wurzelballen aus
dem Topf. Jetzt zahlt es sich aus, wenn man sich nach oben konisch öffnende
Töpfe gewählt hat und eventuell noch die Innenseite mit Folie ausgeschlagen hat.
Lange, im Kübel rundherum gewachsene Rhizome kürze ich ein und topfe in einen
größeren Kübel um. Ist die für mich - bei Aufstellung auf dem Balkon auch die
des Statikers - erträgliche Kübelgröße erreicht, muss der Bambus regelmäßig alle
2 - 4 Jahre geteilt werden. Den sehr kompakten Wurzelballen schneide ich mit
einer Bügelsäge oder einem elektrischen Fuchsschwanz mittig durch. Das geht
erstaunlich einfach und zerstört weniger Wurzelmasse als der brutale Einsatz
einer Axt oder eines Spatens. Nach dem Eintopfen einer Bambushälfte hat das
Raubtier wieder genügend Auslauf, die andere Hälfte kann verschenkt, getauscht
oder verkauft werden. Vielleicht findet unser Bambus so (wenigstens teilweise)
doch noch ein Gnadenbrot in freier Wildbahn.
Auch für den nötigen Winterschutz müssen wir Raubtierbändiger sorgen. Ich
stelle die Kübel an geschützter Stelle auf Styropor- oder Styrodorplatten zur
Bodenisolierung. Runde Töpfe wickle ich dick mit Zeitungspapier ein und fixiere
dieses mit ein, zwei Lagen Luftpolsterfolie. Eckige Töpfe lassen sich mit
entsprechend zugeschnittenen Styropor- oder Styrodorplatten noch einfacher (und
wirkungsvoller?) isolieren. Natürlich sorge ich auch während des Winters für
ausreichend Wasser, aber mit Dünger gefüttert wird während des "Winterschlafes"
nicht. Wenn die Temperatur länger unter Null sinkt, schütze ich die Halme und
Blätter zusätzlich mit Kälteschutzvlies vor Frost und Sonne um die gefürchtete
"Gefriertrocknung" zu verhindern. Ab und zu wird mit lauwarmem Wasser gegossen
und wenn es ganz dicke kommt, bleibt immer noch die Garage als Notunterkunft für
ein paar Tage und Nächte. Aber trotz der Mühe: ganz ohne Risiko ist die
Überwinterung in sehr kalten Gegenden sicherlich nicht.
Als weitere tierpflegerische Maßnahme bleibt nur noch das Formieren zu
erwähnen, aber das ist reine Geschmacksache. Wer jedoch auf formieren Bambus
steht, für den gibt es kaum eine wirkungsvollere Präsentation seines
"Kunstwerkes", als die in einem schönen Kübel an einer gut ausgesuchten Stelle,
z.B. am Fuß einer Treppe oder an einer vom Wohnzimmer gut sichtbaren Stelle auf
der Terrasse. Vor allem: das "Kunstwerk" bleibt beweglich und kann im Laufe der
Jahreszeiten auch mehrmals umziehen. Durch die Formierung wird auf alle Fälle
das Verhältnis Blattmasse zu Wurzelmasse positiv verändert.
Mein persönliches Fazit: Kübelhaltung lohnt sich allemal für den engagierten
Bambusfreund - die geringe Mehrarbeit im Vergleich zur Freilandhaltung wird
meist belohnt. Ich behaupte nicht, dass meine Raubkätzchen in ihrem engen
Gefängnis vor Zufriedenheit schnurren, aber sie haben sich bei mir bisher sehr
gut entwickelt und mir viel Freude gemacht. Also: Kübel nix übel!!!
Eric Fandel, Bambus-Journal 4/2006
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