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Bambus im Botanischen Garten der Universität Wien

Eine der Attraktionen des Botanischen Gartens der Universität Wien ist ein Bambushain von Phyllostachys viridiglaucescens. In Bestandslisten von 1893 ist diese Art bereits an gleicher Stelle vermerkt. Mit 230m2 bewachsener Fläche dürfte es sich um einen der großen historischen Bambushaine in Österreich und im winterkalten Mitteleuropa handeln.

Der Botanische Garten

Der Botanische Garten der Universität Wien wurde 1754 von Kaiserin Maria Theresia auf ca. 2 ha Fläche am aktuellen Standort gegründet. Heute werden auf 8 ha Fläche ca. 9.500 Pflanzenarten kultiviert. Besondere Schwerpunkte der Botanik in Wien sind die Erforschung der Vielfalt und der Verwandtschaft von Pflanzen.

Die Bambussammlung

Im Botanischen Garten werden neun Bambus-Arten kultiviert: Fargesia murielae, Phyllostachys nigra und P. viridiglaucescens, Pseudosasa japonica, Sasa palmata, Shibataea kumasasa und zwei noch näher zu bestimmende Arten Pleioblastus. Die tropische Art Dendrocalamus giganteus wird in einem kleinen Tropenhaus kultiviert. Die anderen winterharten Arten befinden sich in der Abteilung einkeimblättrige Pflanzen in der systematischen Anlage, die ca. ein Drittel des parkähnlichen Gartens einnimmt. Diese kleine Bambussammlung soll sowohl Studenten als auch Besucherinnen und Besuchern
den Verwandtschaftskreis Bambus als Teil der Familie der Süßgräser beispielhaft näher bringen und einige markante Wuchstypen zeigen.

Die Bambus-Arten sind in einer größeren Rasenfläche gruppiert. Als Rhizomsperre dienen eingesenkte Betonringe, die Schutz vor zu ungestümer Ausbreitung bieten. Sie verhindern diese aber nicht völlig. Durch Risse und unter den Ringen hindurch machen sich immer wieder Rhizome im
Rasen breit. Diese haben jedoch durch den regelmäßigen Schnitt mit dem Rasenmäher keine Chance, sodass die einzelnen Pflanzen sehr schöne, gut getrennte und kompakte Klein-Gruppen bilden. Die Wiener Winter mit minus 17 °C und darunter sind für die vorhandenen Arten grundsätzlich kein Problem. Allerdings kommt es, besonders bei den Pflanzen von Pleioblastus und Shibataea, zu Blattschädigungen. Einen speziellen Winterschutz gibt es
nicht. Keine der Arten wird nach dem Winter zurück geschnitten. Während der trockenen Sommer muss reichlich und regelmäßig gewässert werden. Die Nährstoffversorgung erfolgt mit etwas Blaukorn.

Ein historischer Bambus

Während die meisten Freilandbambusse im Botanischen Garten erst seit Mitte des 20. Jh. kultiviert werden, ist Phyllostachys viridi-glaucescens eine Ausnahme. Bereits in Bestandslisten von 1893 ist diese Art mit einer Pflanze für genau jene Stelle im Botanischen Garten vermerkt, auf der sie
noch heute zu finden ist. Diese Bestandslisten stammen aus Zeiten der Direktion des österreichischen Botanikers Anton Kerner von Marilaun. Weiterhin zeigt ein Foto von 1930 aus diesem Teil des Gartens Halme eines großen Bambus in Nachbarschaft von Thujen. Diese sind ebenfalls in den Bestandslisten vermerkt und waren bis 2005 vorhanden. Mit Hilfe der Unterlagen und Indizien lässt sich mit großer Sicherheit sagen, dass die heute vorhandene Pflanze der Art Phyllostachys viridiglaucescens mit jener von 1893 identisch ist.
Der ganze Bambushain besteht wahrscheinlich aus nur einer Pflanze und hat sich seit den 1960er Jahren aus einer Gruppe von ca. 70m2 zu einem sehr hübschen Hain von 230m2 Fläche entwickelt. Damit ist diese Bambuspflanze eine der ältesten und größten Österreichs. Rechnet man den freien Zuwachs der letzten zehn Jahre bis 1960 hoch, würde die Pflanze heute allerdings eine Fläche von mindestens 500m2 bedecken müssen. Das ist
nicht der Fall, weil über einige Jahre die Ausbreitung aus Platzgründen eingeschränkt wurde.
Beachtlich für das winterkalte Mitteleuropa sind weitere Merkmale der Wuchsleistung. Die stärksten "Halme" erreichen Höhen von über acht Metern und haben einen Durchmesser von über 5,5cm (bis 18cm Umfang). Diese durchaus respektable Wuchsleistung ist den warmen Wiener Sommern mit hohen Wärmesummen und vielen Sonnenstunden zuzuschreiben. Auch liegt die zehnjährige Durchschnittstemperatur derzeit mit 10,5 °C um 1 °C höher als in den 50-er Jahren. Phänologische Daten deuten weiterhin an, dass in den letzten Jahren in Wien das Frühjahr um ca. 7 bis 14 Tage eher und der Winter
entsprechend später beginnt. Eine Blüte ist für die Pflanze im Botanischen
Garten nicht dokumentiert; in der Literatur wird die letzte Massenblüte mit 1968 angegeben. Phyllostachys viridiglaucescens ist eine der winterhärtesten
Phyllostachys-Arten. Im Botanischen Garten hat sie auch die langen und schneearmen Winter 1984/85 und 1985/86 gut überstanden. Hilfreich ist dabei sicher der gute Standort der Pflanze. Östlich und nach Süden hin wird der Hain von großen Kiefern, Thujen und Wacholdern vor der tiefen Wintersonne geschützt.

Der Bambusweg

Am 18. Oktober 2005 wurden zwei "Bambusstege" feierlich eröffnet. Nun können Interessierte den Bambushain auch im Inneren erleben. In den letzten Jahren wurden immer wieder große Teile des Jahresneutriebes zerstört, weil Besucherinnen und Besucher den Hain durchwanderten und dabei aus Unkenntnis den jungen Austrieb im Frühjahr teilweise zertraten. Der Gipfel war eine Schulklasse, die 2001 in kürzester Zeit über 50 % des Jahresneutriebes auf diese Weise vernichtete. So beschloss die Gartenleitung einerseits den Bambus mit einer Einfriedung zu schützen und andererseits mit einem neuen Weg die erfreuliche Neugier nach dem Erlebnis Bambus zu befriedigen.
Vor gut zwei Jahren begann der Botanische Garten eine Kooperation mit der Klasse für Landschaftsdesign der Universität für Angewandte Kunst in Wien.
Studentinnen und Studenten dieser Klasse haben unter Leitung von Prof. Mario Terzic während eines Wettbewerbs einen etwas anderen "Weg" für das Erlebnis Bambus gefunden. Jessica Gaspar und Nikola Schuberth entwickelten ihr Siegerprojekt "Bambusweg" zu zwei Stegen weiter, die auch den praktischen und juristischen Erfordernissen entsprechen. Zwei ‘schwebende’ Gitterrost-Metallstege führen in das Innere des Bambusdickichts,
durchqueren dieses aber nicht. Benützer sind gezwungen inne zu halten, zu schauen und zu lauschen. Das Material greift den einfachen Industriestil der in den 80-er Jahren modernisierten Gewächshäuser auf. Im Zickzack verläuft das Geländer und zwingt zum bewussten Benutzen des Steges. Dieser Verlauf soll die Schwingungen der Bambussprosse widerspiegeln. Gleichzeitig wurde dieser wertvollen Pflanze durch das Entfernen von Gehölzen und die Öffnung einer weiteren Fläche neuer Raum gegeben. Diesen Raum kann sich der Bambus in den nächsten Jahren unter Beobachtung von Besucherinnen und Besuchern erobern und eine Fläche von insgesamt mehr als 350m2 bewachsen. Eine leichte Umfriedung beschreibt den Raum
und soll verhindern, dass hineinlaufende Neugierige die Pflanze in ihrem Bestand bedrohen. Ein Informationsblatt und ein Folder informieren über den Bambus und seine Stege.
Aus einer sehr pragmatischen Idee "Bambusweg" wurde eine intensive und lehrreiche Kooperation zwischen der Klasse für Landschaftsdesign und dem Botanischen Garten. Kunst und Naturwissenschaft, Theorie und Praxis trafen hier aufeinander, diskutierten, stritten und arbeiteten miteinander. Alle Beteiligten haben an dieser Kooperation sehr gewonnen: Ideen, Erfahrungen, know how, gute Stunden und neue Freunde. Im gesamten Ensemble der Forschungs- und Lehrsammlungen des Botanischen Gartens wurden nicht nur ein neuer Weg und Entwicklungsraum für eine besondere Pflanze geschaffen, sondern auch ein würdiger Rahmen an historischem Ort. Zusammen mit den Gärtnern, Studenten und der Stahlbau-Firma Zeman wurden diese beiden Stege gebaut. Allein mit Hilfe von Sponsoren, Bambuswegpaten und vielen Spendern kleiner Beträge konnte dieses Projekt finanziert werden.
Allen sei sehr herzlich gedankt.

Frank Schuhmacher, Bambus-Journal 4/2005

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zuletzt aktualisiert: 14.05.2012
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Links zum Thema:

Homepage des botanischen Gartens der Universität Wien

diverse Artikel zum botanischen Garten auf der offiziellen Homepage der Universität Wien

Fotodatenbank Botanischer Garten der Universität Wien